Landleben: wöchentliche Kolumne

 

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Da saß ich nun in Marburg in einem sogenannten „Stehcafe“ bei einem Bäcker und gönnte mir eine Pause mit  Kaffee und einem belegten Brötchen. Die Erholung brauchte ich, denn nach einem Arzttermin hatte ich das angrenzende Kaufhaus on oben bis unten durchstöbert, danach fühlte ich mich schlagskaputt. Gleichzeitig  bietet solche Rast auch eine wunderbare Gelegenheit mal wieder „Leute zu gucken“. Wenn man so in einem kleinen Dörfchen rechts am Wald lebt und außer Rehe  sonst nix sieht, eine ersprießliche Angelegenheit. Zudem wenn der Kaffee auch noch gut schmeckt und das Brötchen taufrisch auf der Zunge zergeht. Doch trotz dieser kulinarischen Genüsse, packte mich, je länger ich die Menschen die am Fenster vorbeiströmten beobachtete  blankes Entsetzen. Denn irgendwie erschienen mir die meisten, als kämen sie von einem anderen Stern. Ihnen fehlten lediglich kleine  Antennen auf dem Kopf. Scheinbar nahmen sie überhaupt nicht wahr, wo sie sich befanden. Ihr Blick war zu hundert Prozent auf das kleine Ding in ihrer Hand, auch deshalb Handy genannt, gerichtet. Einige hielten es blicklos ans Ohr, weil sie wohl mit irgendjemand telefonierten, wieder andere blieben mitten in den strömenden Menschen stehen und tippten mit beiden Händen etwas in das Gerät ein. Schon eine merkwürdige Situation, dass diese Welt so aneinander vorbeirennt. Lediglich der Bettler vor dem Blumenladen und ein paar ältere Herrschaften, die leicht gebückt ihrer Wege gingen, nahmen noch bewusst an diesem morgendlichen  Korso teil. In Anbetracht dessen, kann man sich ja direkt glücklich schätzen, wenn es doch noch Menschen gibt, die sich in fröhlicher Runde zusammen finden und miteinander kommunizieren. Wie vor ein paar Tagen, unverhofft kommt oft, fanden sich mal wieder einige Nachbarn bei uns  vor der Tür zu einem Plausch am Zaun zusammen.  Die dollsten Themen werden dort in zufälliger Runde mitunter angepackt und verarbeitet. Wie beispielsweise Kindererziehung, Schmerzbewältigung und Küchenrezepte. Da gibt es allerhand zu erzählen und mancher gute Ratschlag entgegengenommen. Oder es wird darüber philosophiert, was eigentlich Heimat ist. Da kann man ganz unterschiedlicher Meinung sein. „Heimat ist da wo das Herz zu Hause ist“, meinte ich „und bei einer so netten Nachbarschaft, die sich hier stets an unserem Zaun trifft, kann man sich doch nur heimatlich fühlen!“ Plötzlich meinte Nachbar Karl-Heinz etwas skeptisch, „du bist doch in Berlin geboren und hast viele Jahre woanders gelebt, ist das jetzt für dich hier wirklich Heimat?“  So schnell wusste ich keine Antwort darauf. Doch da sprang der liebste Mann an meiner Seite in die Bresche. „Also meiner Meinung nach bist du eine richtige Hessin. Als Hamburger habe ich ja  nach den kühlen nordischen Gerichten die Vielfalt der hessischen Küche schätzen gelernt: Mit grüner Soße, Rippchen mit Sauerkraut und vor allem die ‚aale Wurscht’, die es überall gibt. Aber den Höhepunkt bildet nach all den Jahren dein‚ ‚Handkäs mit Musik’, zum niederknien, kann ich euch nur sagen!“ Bei soviel Lobhudelei schoss mir glatt die Röte ins Gesicht.  „Herrschaften“, schwärmte der liebste Mann da in aller Öffentlichkeit. „Eine schöne Butterstulle, darauf den kleingeschnittenen Käse eingelegt in Essig, Öl, Zwiebeln und Kümmel, hessischer kann eine Köchin nicht sein!“ Ich fühlte mich geadelt und nahm diese Ehre an, denn wenn es gelingt einen Hamburger Jungen aus der großen weiten Welt nur mit einem Handkäs’ an das Hessische Hinterland zu binden, das ist doch wahrhaft eine gesellschaftliche Leistung. Natürlich wollen nun alle aus dieser Runde eine Probe von diesem köstlichen Gemisch kosten! Mit anderen Worten wieder mal eine Gelegenheit vom Handy aufzuschauen und aufeinander zuzugehen! 

© Brigitte Koischwitz

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