Landleben: wöchentliche Kolumne

Freundin Gisela  schmiss sich neulich, als ich sie beim Einkaufen traf verzweifelt an meine Brust. Ihr Enkel grad 14 Monate alt, würde weder laufen, kein Wort sprechen, zudem hätte er grad erst einen einzigen Zahn  im Mund. Dabei sei er ein kräftiger Bursche, der bei der Geburt bereits 8 Pfund gewogen hätte. Alle Voraussetzungen für ein schnelles Wachstum also! „Habt ihr ihn untersuchen lassen“, fragte ich vorsichtig. „Selbstverständlich, auf Herz und Nieren, wie man so schön sagt. Aber er ist kerngesund und lachen kann der, wenn du mit einem Leckerle winkst, da geht die Sonne auf!“ „Mal ganz ehrlich, ich wäre froh ein solches Enkelchen zu haben. Das hört sich doch gut an, was hat denn der Arzt zu all dem gesagt?“ Gisela schaute mich ernst an und ganz deutlich waberte ein Hauch Enttäuschung in diesem Blick. Denn wenn ein neues Menschlein auf die Welt kommt, sind besonders Großmütter dafür empfänglich in ihrem Enkelkind ein Wunderkind zu sehen, was schon mit einem Jahr am Junior-Marathon teilnimmt, sämtliche Kinderlieder auf der Triangel klimpert und sich die Windeln nach Möglichkeit selber wechselt. Ihr Blick verdunkelte sich noch mehr und so rückte sie mit der Diagnose raus: „Spätentwickler, haben die Ärzte gesagt, denn er ist pumperlgesund, der hat einfach keine Lust!“  Ich atmete erleichtert auf, hier gab es wirklich nichts zu beklagen. Deshalb tröstete ich sie damit, dass solche Kinder später derart loslegen, dass sie das ganze Feld überholen und mitunter intelligenter sind als alle zusammen. „Ich glaube Beethoven hat seine ersten Worte im zarten Alter von drei Jahren erst gesprochen“ „Ach was“, meinte Gisela anschließend und zeigte sich überglücklich, darüber, was „Spätenwickler“ doch für gute Aussichten hätten, derart berühmt zu werden. So zufrieden war sie damit, dass sie sofort zu einem ganz alltäglichen Thema wechselte. „Du hattest mir doch Kirschen angeboten, gilt das noch?“ „Apropos Spätentwickler, da kann ich ein Lied von singen. Dieser Kirschbaum ist einer, er hängt derart voller Kirschen, dass sich die Äste biegen. Seit Anfang Juni leuchten sie verheißungsvoll rot‚ doch wenn man genauer hinguckte, waren sie auf der hinteren Seite absolut gelb und verhältnismäßig klein. Auch vom Geschmack her ließen sie sehr zu wünschen übrig. Da es sich bei dieser Sorte um die sogenannte  ‚Große Glaskirsche Montmorency’ handelt,  hoffte ich Tag für Tag, dass sie  endlich größer, reifer und süßer würden. Nach meinem Ermessen ist mit ihnen nicht viel los!“ Trotz  meiner negativen Schilderung war Gisela nicht zu bremsen, sie wollte es wissen. „Du hast mir doch grad erklärt, dass wir jedem eine Chance geben sollten, warum nicht auch deinem Baum?!“ So geschah es dann, dass der liebste Mann die große Leiter im Geäst platzierte. Wendig wie Gazellen erklommen wir die Sprossen und fühlten uns wie Kirschenköniginnen, wenn auch ohne Krone, aber dafür hoch oben in der Krone.  Denn oh Wunder die immer noch verhältnismäßig kleinen Früchte schmeckten jetzt zuckersüß. Leider gab es eine Menge zu sortieren, denn viele von ihnen zeigten sich schon vertrocknet oder faulig. Aber bei den tausenden an der Zahl, füllte sich schnell Eimer für Eimer, obwohl auch eine Menge gleich vor Ort verzehrt wurde. Als wir völlig erschöpft endlich vor unserer Ernte saßen und uns Gedanken darüber machten, was wir mit dem „Segen“ nun anfangen wollten, stupste eine kleine freche Boe unsere Leiter an. Jene fiel gegen die Eimer und zwei von ihnen kippten um.  Doch geduldig wie Kirschenpflücker nun einmal sind, fingen wir von vorne an.

© Brigitte Koischwitz

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